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    Leid

    Le̱i̱d

    Substantiv [das]

    1. große seelische Schmerzen.

    “viel Leid erfahren”

    Das ist die Definition des Wortes “Leid” im Internet. Große seelische Schmerzen also. Wer oder was bestimmt denn, wann Leid groß ist oder nicht? Gibt es auch kleines Leid? Unwichtiges oder wichtiges Leid? Schlimmes oder weniger schlimmes Leid? Vielleicht auch verdientes und unverdientes Leid?

    Zunächst wissen wir, dass es Dinge gibt, die beinahe jeden Menschen leiden lassen. Beispielsweise Krebs, oder Tode in der Familie. Wenn solche Dinge passieren, darf ein Mensch gesellschaftlich akzeptiert leiden. Ich möchte keinesfalls bestreiten, dass diese Dinge nicht “leidenswert” sind. Ich möchte eine andere Art von Leid schildern. Viele werden das nicht nachvollziehen können, da sie entweder etwas aus ihrer Sicht “schlimmeres” erlebt haben, oder einfach keinen Sinn für Empathie haben.

    Ich leide auch - nicht weil ich todkrank bin. Auch nicht, weil ich Familie oder Freunde durch ein Attentat verloren habe. Ich leide an psychischen Problemen. Ich habe Angst, ich verspühre Trauer, ich fühle mich kraftlos und das ohne einen spezifischen Grund, abgesehen von meinen Depressionen. Immer wieder kommt es mir in den Sinn, dass es mir überhaupt nicht schlecht gehen sollte, oder darf! Ich denke oft daran, wie “schlimm” das Leben für andere Menschen läuft. In Syrien und im Irak treibt der IS sein Unwesen, Menschen müssen aus Angst um ihr Leben ihre vertraute Umgebung, ihr Zuhause, zurücklassen und sich auf eine gefährliche Flucht über das Mittelmeer in ein fremdes Land begeben. Und da bin dann ich, im behüteten Erdbeer-Paradies und leide. Ist das moralisch vertretbar? Damit kommt die Frage auf - was ist denn überhaupt schlimm? Ist ein zerbrochener Teller von Omas alten Tellern, oder 200 kaputte Teller von IKEA schlimmer? Ist ein gebrochenes Bein, oder ein gebrochener Arm schlimmer? Ist ein Anschlag auf Paris schlimmer als ein Anschlag in Beirut? Warum vergleichen Menschen immer ihr Leid? Warum ist das für einige Leute ein Wettstreit? “Alter, mein Problem ist viel schlimmer als deines! Ich wäre froh, wenn ich deine Probleme hätte!” Warum sollte man so etwas sagen? Macht es mein Problem dann weniger bedeutsam? Na, wenn das so ist, sollte ich ja überhaupt keine Probleme mehr haben! Dann sollte es mir doch hervorragend gehen! Es ist aber nicht so…

    Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich den selben Fehrler begehe und Leid vergleiche. Für die Eine ist es eben schlimm, wenn ihr Nagel abbricht. Lass sie in Ruhe, und gib ihr kein schlechtes Gefühl dafür, dass sie so etwas gar traurig macht. Ich muss mir vor Augen führen, dass es okay ist zu leiden. Egal, ob ein Grund vorhanden ist, oder nicht - ob es “relevant” ist, oder nicht. Für jeden ist etwas anderes “schlimm”, oder ein “Problem”. Ich darf mich nicht mehr schlecht dafür fühlen, dass es mir eben nicht gut geht. Die Menschen müssen lernen, dass das Leid, ein äußerst sensibler und individuell auffassbarer Bergriff ist. Man darf den Anschlag auf Paris schlimm finden. Man darf auch gleichzeitig oder unabhängig davon die Geschehnisse in Beirut, Syrien oder sonst wo auf der Welt, wo unfassbar schreckliche Dinge stattfinden, schlimm finden. Man darf auch die fucking Sauce auf den SubWay Sandwiches schlimm finden. Vorallem aber, darf man auch Dinge schlimm finden, die nicht existent sind. Dir darf es schlecht gehen. Du musst dich werder dafür schämen, noch schlecht fühlen. Schlecht geht es dir sowieso. Konzentriere dich lieber auf das Wesentliche - was kann ich tun, damit ich das Leid aus meinem Leben verbannen kann?